Nocte Obducta
Umbriel (Das Schweigen zwischen den Sternen)
- Genre:Avant-Garde Metal
- Laufzeit:1:08:46
- VÖ:08. March 2013
- Label:MDD Records
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Alles was wir sind begann angeblich dereinst mit einem großen Knall. Und wenn man den Gelehrten glauben darf wird diese Realität auch irgendwann wieder in sich zusammenfallen, Jahrmilliarden an Entwicklung und Ausdehnung in die Unendlichkeit später driftet alles wieder aufeinander zu, seinem Ursprung entgegen. Wann aber passt diese These in das Review einer neuen Platte? Dann, wenn die Suche nach einem sprachlichen Bild im Hinblick auf Bandgeschichte und musikalische Entwicklung Parallelen zu eben jenem Naturgeschehen ergibt. Und umso mehr, wenn der Titel der neuen Scheibe einen Himmelskörper bezeichnet, der in enger Verbindung zu einem wichtigen Stück Bandgeschichte steht. Nocte Obducta bleiben unvorhersehbar und starten – quasi gleich nach dem Abendessen und nach Jahren des Werdens und des Auseinanderdriftens der Urmasse – mit “Umbriel (Das Schweigen zwischen den Sternen)” zum gleichnamigen, dunklen Trabanten des Uranus.
Manch Einer wird sich erinnern: vor fast 18 Jahren erfolgte der Nocte-eigene Urknall mit der Gründung der Band, wenige Jahre später dann die Veröffentlichtung des ersten Demos “… doch lächeln die blutleeren Lippen / Begräbnisvermählung”. Mit der Zeit wich der schwarzmetallische Ursprung progressiveren, avantgardistischen Tönen, bis man zuletzt und kurz vor dem (vorläufigen) Ende der Band im Jahr 2006 die musikalischen Wurzeln nur noch mit einiger Anstrengung erkennen konnte. Aus der Asche entstanden alsbald neue Projekte, die die Saat des Nocte Universums unverkennbar in sich trugen und doch die Kraft besaßen, Eigenständigkeit und Progression zu demonstrieren.
Und nun schreiben wir das Jahr 2013, Nocte Obducta sind zurück, und das unbändige, dunkle Feuer brennt nach wie vor, gespeist von neuer Energie und Kreativität. “Umbriel” ist in vieler Hinsicht ein Neuanfang, nicht nur im Vergleich mit dem letzten Album kurz nach der Trennung, “Sequenzen einer Wanderung”, sondern auch in Gegenüberstellung zu “Verderbnis”, welches bereits eine etwa zehnjährige Reise in die Vergangenheit markierte und eher nach “Taverne” schmeckte.
Gleich der erste Song “Kerkerwelten pt.1″ beschwört den bittersüßen Geschmack nach Herbst und Verfall herauf der “50 Sommer, 50 Winter” zu Eigen war – ein weiteres Stelldichein auf Uranos. Und doch, die Schatten sind länger, undurchdringlich die Schwärze, und spätestens mit “Gottverreckte Finsternis” wird offenbar dass wir einige tausend Kilometer vom stillen, blassgrünen Gasball entfernt sind.
Schaurig-schöne, synthetische Klänge treffen auf erdigen Gitarrensound und düstere Vocals (beteiligt am Gesang sind auf “Umbriel” mit Torsten, Flange, Stefan und Marcel im Übrigen gleich vier der sechsköpfigen, aktuellen Nocte-Besetzung).
Der dritte Track atmet wieder ganz die “Dinner”-Atmosphäre, verträumt und melodisch trägt die Klampfe uns zurück zum Januar der Jahres 1986, als Voyager 2 zum ersten Mal Umbriel zu Gesicht bekam und Bilder des dunkelsten Uranus-Mondes zur Erde sandte.
Beklemmend geht es weiter mit “Dinner auf Uranos”, allerspätestens jetzt wird das Erbe klar das “Umbriel” antritt. Der vierte Track überzieht Herz und Seele mit sehnsuchtsgetränktem, schwarzen Samt und lässt einen unwillkürlich beben in der eisigen Kälte die da aus den Boxen kriecht. Beinah 14 Minuten dauert die Reise, und ich kann mich nicht wehren gegen diesen Strom aus dunkler Klangmaterie der mich erfüllt. Gänsehaut.
“Mehr Hass” löst sich dann ein wenig von der Avantgarde Rock Schiene und schleudert ein paar Growls uns sägendes Gitarrenwerk in die Leere des Raums, welche kurz darauf im längsten Song des Albums ihren eigenen Platz findet. Mehr als 14 Minuten treiben wir durch die unendlichen Weiten, längst erfroren und erstickt, auf den Schwingen des Vergessens, hinaus in die Ewigkeit. Verschwommene Klänge aus ferner Vergangenheit begleiten verhallend unseren Weg, während hinter uns die Sterne kalt und gleichgültig aus der Schwärze funkeln.
“Ein Nachmittag mit Edgar” ist dann “Dinner” par excellence, kruder Text, rockig und voll düsterer Gitarrenschwingungen die muskalische Basis.
Bevor der zweite Teil der “Kerkerwelten” folgt schiebt sich dann noch der Reprise zu “Dinner auf Uranos” dazwischen, ein vierminütiges Instrumental, eine schleppende, von allerlei Synthiesounds untermalte Reise zu den Sternen.
Und dann brechen bereits die letzten sieben Minuten von “Umbriel” an, “Kerkerwelten pt. 2″ packt noch einmal stellenweise die Streitaxt aus, die so ausdauernd schwieg, in all der ausufernden Klangschwelgerei dieses Albums.
“Umbriel” hat etwas geschafft, das bisher nur einige, wenige Werke vermochten: es hat meinen Herzschlag beschleunigt, hat mich zittern und beben lassen, erzeugte die oft zitierte Gänsehaut, ließ mich staunen. Der Kreis hat sich geschlossen, “Umbriel” ist “50 Sommer, 50 Winter” so ähnlich wie Uranus in seiner Kälte und seinem geheimnisvollen grünlichen Schimmern auch seinem dunkelsten Mond gleicht, Nocte Obducta sind ihren Weg gegangen, haben sich entwickelt und letztlich zurückgefunden, nicht zu alter Form oder ihren Ursprüngen, sondern zu sich selbst, hier und jetzt. Und sind ergreifender als jemals zuvor. Nie zuvor ging mir die Vergabe der vollen Punktzahl so leicht von der Hand wie bei “Umbriel”. Ich möchte nie mehr zurückkehren von dieser Reise.



